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Günter Ropohl: Tabak – geschätzt und bekämpft

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Der Tabakgenuss ist seit einigen Jahren allenthalben in Verruf geraten. Umso mutiger und bemerkenswerter ist das Buch Tabak und Gesellschaft: Vom braunen Gold zum sozialen Stigma, das Beiträge zur Kulturgeschichte dieser umstrittenen Pflanze versammelt. Die Herausgeber Frank Jacob und Gerrit Dworok, Historiker an der City University of New York und an der Universität Würzburg, haben selbstverständlich Recht: Was die Menschen 500 Jahre lang teils gehasst und teils geliebt haben, kann keine „politische Korrektheit“ von heute auf morgen aus dem kollektiven Gedächtnis verbannen – zumal es noch keineswegs gewiss ist, ob den Tabakbekämpfern der beabsichtigte „Endsieg“(1) gelingt.

Tabak und Gesellschaft


In etlichen Beiträgen werden Einzelaspekte der Tabakherstellung und des Tabakgebrauchs in verschiedenen Regionen Europas, in einem Artikel aber auch in Taiwan dargestellt. Da problematisiert Han-Hsiu Chen eine Würdigung des Tabakanbaus als „kulturelles Erbe“ in Taiwan, wobei die Gefahren des Tabakkonsums nicht erwähnt werden; in der Einschätzung dieser Gefahren schlägt sich der Artikel auf die Seite der Anti-Tabak-Bewegung und zieht zum Vergleich auch den vermeintlich unkritischen Umgang mit der Geschichte der Tabakkultur in Nordgriechenland heran.

Einen anderen Blick wirft der griechische Stadtplaner Konstantinos Lalenis auf die Baugeschichte von Kavala, einst Zentrum der makedonischen Tabakverarbeitung, wo das Stadtbild lange Zeit von traditionellen Manufaktur- und Lagerhäusern geprägt war, die teilweise der Modernisierung weichen mussten und teilweise nur unzureichend konserviert wurden. Anders als Han-Hsiu Chen erwartet dieser Autor keine Merktafeln an den erhaltenen Gebäuden, die auf die Risiken des Tabaks aufmerksam machen würden.

Maria Aggeli schreibt über eine andere griechische Region, das Gebiet um Agrinio im Südwesten des Festlandes und schildert anhand eigener Untersuchungen die mühselige Arbeit auf den Tabakplantagen und in den Tabakfabriken, betont aber auch, dass dabei erstmals Frauen in größerem Umfang einer Erwerbsarbeit nachgehen und dadurch gewisse Schritte zur Selbständigkeit und Anerkennung machen konnten. Christos Bakalis schließlich gibt einen umfassenden Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung der Tabakproduktion in Griechenland. Noch vor 20 Jahren nahm der Tabak eine Spitzenstellung im Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse ein, dies teilweise auch darum, weil manche griechischen Pflanzer von den traditionellen „Orient“-Tabaken zu „Virginia“-Arten übergingen, die unter dem Einfluss des US-amerikanischen Geschmacks auf dem Weltmarkt größere Absatzchancen haben.(2) Ebenfalls aus dem Südosten Europas stammt der Beitrag von Emine Tutku Vardağlı, der politische Hintergründe des Tabakumgangs in der Türkei vom 17. bis zum 20. Jahrhundert behandelt. Dabei darf nicht vergessen werden, dass sich die nordgriechischen Tabakanbaugebiete bis Anfang des 20. Jahrhunderts unter türkischer Herrschaft befanden. Als zu dieser Zeit eine Dresdner Tabakfirma den Namen „Yenidze“ annahm – über die Neigung früherer Zigarettenhersteller, ihre Produkte mit der Aura orientalischer Exotik zu versehen, berichtet Swen Steinberg –, war das nichts anderes als die türkische Bezeichnung für das griechisch-makedonische Giannitsá, einen Ort, wo noch heute ein besonders aromatischer Tabak kultiviert wird.

Aus Osteuropa schließlich berichtet Alexander Friedman über den Tabakkonsum in der Sowjetunion. Das Rauchen war dort unter Männern sehr verbreitet, rauchende Frauen dagegen erregten moralischen Anstoß. Der Autor erwähnt die Vorliebe für kaum erhältliche amerikanische Zigaretten, die sich erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit dem Vordringen amerikanischer Konzerne verbreiteten, schildert die Beliebtheit von Markennamen, in denen sich die Weltraumbegeisterung der russischen Bevölkerung widerspiegelt, und zeigt, dass Gesundheitskampagnen gegen die „Rauchwaren“, meist unter der Ägide nichtrauchender Machthaber eingeleitet, nur geringe Resonanz fanden.

Wie in Russland ist die Raucherfrage fast immer und überall auch eine Geschlechterfrage gewesen. Otto Ulbricht geht der Frage nach, wie sehr rauchende Frauen im Deutschland vor 1800 verbreitet waren. Trotz magerer Quellenlage kommt er zu differenzierten Schlussfolgerungen und meint, unter den älteren Frauen sowohl der Ober- wie auch der Unterschicht habe es durchaus den Konsum von Schnupf- und Pfeifentabak gegeben – über unterschiedliche Varianten des Schnupftabaks im protestantischen Norden und katholischen Süden unterrichtet übrigens Jörg Pannier –, während wohl im Bürgertum, zumindest nach diesbezüglichen Schriften, die patriarchale Unterdrückung solch „unweiblichen“ Verhaltens vorgeherrscht habe. „Die deutsche Frau raucht nicht“, haben bekanntlich noch die Nazis postuliert, und erst heute sorgen sich die Tabakbekämpfer(-innen) um die allgemeine Gleichstellung, indem sie allen Menschen, Frauen wie Männern, das Rauchen verbieten wollen.

Bei der Herstellung der Tabakerzeugnisse hat man allerdings die Frauen immer gebraucht, denen das, wie im griechischen Beispiel, manchmal durchaus zugutekam. Andererseits berichten Elisabeth Schöggl-Ernst und Manuela-Claire Warscher aus der österreichisch-ungarischen Monarchie sowie Bernd Hüttner aus Bremen von den sozialen Problemen, denen die Tabakarbeiterinnen meist ausgesetzt waren. Sie übten gering entlohnte Tätigkeiten unter männlicher Aufsicht aus, hatten die auch heute noch verbreitete Doppelbelastung von Berufs- und Familienarbeit auszuhalten und litten im traditional geprägten Milieu unter der sozialen Geringschätzung     
der Frauenarbeit, die gleichwohl in vielen Familien für das wirtschaftliche Überleben unumgänglich war. Gegen unzumutbare Benachteiligungen haben auch weibliche Arbeitskräfte, keineswegs immer so gefügig, wie es das Geschlechterstereotyp wissen will, hin und wieder aufbegehrt.

Zwei Beiträge befassen sich mit der ästhetischen Seite der Tabakkultur. Auf der trivialen Ebene geht Hiram Kümper den Zigarettensammelbildern nach, die er als kollektives Bildgedächtnis der Gesellschaft würdigt. Solche Bilder lagen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Zigarettenpackungen bei und wurden vor allem von Kindern und Jugendlichen in eigenen Sammelalben aufbewahrt und später, so die These des Verfassers, an die Nachgeborenen weitergegeben. Die Themen reichten von der Naturkunde und Geschichte bis zur Malerei, erhielten aber in der Nazizeit und in der frühen DDR auch politisch-ideologischen Einschlag. Agnes Thum widmet sich in einem kunstgeschichtlichen Beitrag ausgewählten Portraits, die Künstler von sich selbst in Raucherpose gemalt haben.

Die Beiträge des Buches, in Stil, Methode und Niveau durchaus unterschiedlich, sind lesenwerte Mosaiksteine zu einem soziokulturellen Gesamtbild der Tabakgeschichte, die in der Anordnung des Abdrucks keiner nachvollziehbaren Systematik folgen (und darum hier in abweichender Reihenfolge besprochen wurden). Wenn sich freilich jene Tendenzen fortsetzen, die Christoph Lövenich zur Tabakregulierung in Deutschland kenntnisreich und kritisch darstellt, dann könnte die Geschichte der Tabakkultur bald zu Ende sein. Eine aggressive Koalition von Gesundheitsfunktionären und hysterischen Tabakgegnern hat mit Hilfe des Gesetzgebers schon jetzt den Rauchgenuss aus weiten Teilen der Öffentlichkeit verbannt und zwingt die rauchenden Menschen zu schwerwiegenden Einschränkungen ihres Lebensstils, die den Grundsätzen einer liberalen Gesellschaft völlig widersprechen. Ob die gegenwärtige Tabakprohibition, wie so manche anderen in früheren Zeiten, wieder nur eine Episode bleiben wird, steht dahin.

Jedenfalls betonen die Herausgeber in ihrer Einleitung und Hans-Jörg Schmidt in einem grundlegenden Beitrag, dass Tabak weit über seine physischen Effekte hinaus immer auch als „Medium des Sozialen“ fungiert hat. Sei es, dass er als Distinktionsmerkmal dieser oder jener Schicht gegolten hat, seien es die Verständigungsrituale unter Fremden oder Freunden, die zudem eine hundertjährige Filmgeschichte unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat, oder sei es der antiautoritäre Gestus, den anpassungsresistente Menschen damit immer wieder inszeniert haben – der Tabakgebrauch hat beträchtlichen Teilen der Gesellschaft sein Signum aufgeprägt. In einer tabaklosen Gesellschaft würde mithin nicht nur der Tabak fehlen, sondern auch vieles andere, was zuvor das menschliche Zusammenleben geprägt hat. Zwischen den Zeilen erinnert dieses Buch an die gesellschaftlichen Weiterungen einer Tabakbekämpfung, die über der Gesundheitsbesorgnis alle anderen Werte ignoriert.

Allen wissbegierigen und nachdenklichen Menschen empfehle ich dieses vielschichtige Buch. Wem der stattliche Preis – allerdings bloß der Gegenwert von 15 Päckchen Zigaretten – missfällt, wird, da nicht nur das Papier, sondern auch der Inhalt alterungsbeständig ist, wohl auf die späteren Sonderangebote im Modernen Antiquariat warten müssen.


Prof. Dr.-Ing. Günter Ropohl ist Technikphilosoph und -soziologe, er lehrte bis 2004 Allgemeine Technologie an der Universität Frankfurt/Main. In den vergangenen Jahren engagierte er sich und publizierte vermehrt zum Thema Tabakrauchen.

Frank Jacob, Gerrit Dworok (Hg.): Tabak und Gesellschaft: Vom braunen Gold zum sozialen Stigma, Nomos Verlag,  Baden-Baden 2015, 406 S., 78 € (D), ISBN: 978-3848716289

Inhaltsverzeichnis


(1) Der englische Begriff „Endgame“ ist in Kreisen der Tabakbekämpfung gebräuchlich, siehe z.B. „The Tobacco Endgame“, Themenbeiheft der Zeitschrift Tobacco Control, Mai 2013.

(2) Der Rezensent, ein Liebhaber des besonders aromatischen griechischen Tabaks, beklagt, dass diese Wandlung auch in Deutschland stattgefunden hat, wo Zigaretten aus „Orient“-Tabak, anders als in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg, kaum mehr zu bekommen sind, und wo wenig durchdachte gesetzliche Regelungen, dem europäischen Grundsatz des freien Warenverkehrs zum Trotz, die private Einfuhr griechischer Zigaretten auf dem Versandweg verunmöglichen.

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