Marlboro-Cowboy vergaloppiert sich immer mehr

Marlboro-Cowboy vergaloppiert sich immer mehr

Der Tabakkonzern Philip Morris International (PMI) biedert sich schon lange bei den Anti-Rauchern an. Mittlerweile setzt er darauf, dass seine neuen IQOS-Verdampfer mit den „Heet“-Sticks von der zunehmenden Bekämpfung klassischer Tabakwaren profitieren. Netzwerk Rauchen sagt: Nicht kaufen!

I Love You Phillip Morris“ heißt ein Kinofilm mit Jim Carrey von 2009. Nicht gemeint war der Zigarettenkonzern Philip Morris (mit nur einem „l“) und das Netzwerk Rauchen wäre auf einen solchen Titel auch keineswegs gekommen. Denn wir hegen gegenüber dem Unternehmen ganz andere Gefühle, schließlich haben wir schon 2007 zu einem Boykott von Philip-Morris-Produkten aufgerufen. Zwischenzeitliche und erst recht aktuelle Entwicklungen geben uns mehr als Recht.

Philip Morris International (PMI), seit 2008 der außeramerikanische Zweig des Multis, hat vor wenigen Monaten auch in Deutschland eine Kampagne gestartet, die sich „UNsmoke“ nennt. Hinter dieser im besten Orwellschen Neusprech gehaltenen Parole steht die Botschaft, man solle auf keinen Fall rauchen – und wenn es dann doch unbedingt sein muss, auf das PMI-Produkt IQOS mit seinen „Heets“ umsteigen, einen Tabakerhitzer.

[Bild: https://www.horizont.net/news/media/29/Unsmoke-281916-detailp.jpeg]

In der Schweiz erklärt der dortige PM-Chef: „Raucherinnen und Raucher haben keinen Grund mehr, sich für Zigaretten zu entscheiden.“ Seit Jahren bekennt man sich zu einer „rauchfreien Zukunft“, wie auch der Deutschland-Boss sagt.

Solche Antiraucher-Sprüche mögen aus dem Munde eines Konzerns, der in vielen Ländern seit langem die Marktführerschaft bei Industriezigaretten innehat, verwundern. Auch in Deutschland dominiert der Produzent von Marken wie Marlboro, L&M, Chesterfield oder F6 als größter Anbieter. Und jetzt bedankt er sich für den Kundenzuspruch damit, dass er den Leuten vorschreiben will, seine Paradeprodukte gefälligst nicht mehr zu konsumieren? 

Doch wer die Wende kennt, die der Markgigant vor etwa 20 Jahren vollzogen hat, wundert sich über gar nichts mehr. Damals kam man in der US-Konzernzentrale offenbar zu dem Schluss, lieber mit den Anti-Tabak-Wölfen heulen zu wollen, um seine Geschäfte zu sichern. Statt wie vorher gelegentlich aggressiv gegen die Tabakbekämpfung Stellung zu beziehen, entschied man sich, nach dem Motto „If you can’t beat them, join them“ dem Gesundheitspuritanismus Tribut zu zollen. Kein kritisches Wort mehr zur wissenschaftlich widerlegbaren Passivrauch-Hetze, keinerlei Infragestellen der Raucherdiskriminierung mehr. 2007 schied man daher aus dem deutschen Industrieverband VdC (Verband der Cigarettenindustrie) aus, was dessen Ende besiegelte, und trat der Neugründung DZV (Deutscher Zigarettenverband) nicht bei, sondern kocht seither sein eigenes Süppchen. Zwischenzeitlich gründete das Unternehmen sogar eine eigene Antiraucher-Stiftung.

Denn wenn man schon der Tabakbekämpfung nicht mehr die Stirn bieten will, sondern sich bei ihr einschleimen, so kann man doch wenigstens der Konkurrenz ein bisschen schaden. PM verdankt dem Autor Christopher Snowdon zufolge seine marktbeherrschende Stellung in den USA den ersten Werbeverboten vor 50 Jahren, da diese bekanntlich den großen Marken (in dem Fall Marlboro) helfen. Vorher war die Spitzenposition bei den Marken noch heiß umkämpft. So befürwortet PM gerne staatliche Regulierung, die den Konkurrenten mehr schadet als ihm selbst, z.B. bei Werbeverboten oder der höheren Besteuerung von Dreh- und Stopftabak, der nicht zu ihrem Kerngeschäft gehört.

2009 erkämpfte PM in den USA sogar Seite an Seite mit übelst hetzerischen Antiraucherlobbys den „Family Smoking Prevention and Tobacco Control Act“, den Kritiker „Marlboro-Schutz-“ bzw. -Monopol-Gesetz“ getauft haben, weil er – wie von PM schon lange gefordert – der US-Lebensmittel- und Arzneibehörde FDA die Regulierungsmacht über Tabakprodukte verschafft hat. So werden höhere Hürden für Konkurrenzprodukte aufgebaut, während sich der Konzern Nutzen für seine Neuentwicklungen ausrechnet.

Und damit sind wir wieder bei IQOS bzw. den Heets. In Tabakwarengeschäften stößt man seit geraumer Zeit auf aggressive Reklame für diese Tabakerhitzer, in Form von Schildern, Aufstellern u.ä. oder gar durch persönlich anwesende Werber. Auf der Zeil in Frankfurt/Main hat man die nach eigenen Angaben größte „IQOS-Boutique“ der Welt auf zwei Stockwerken eröffnet, es soll in Deutschland 50 weitere Werbetempel von der Sorte geben. Der Heets-Tabak wird als Pfeifentabak versteuert, also deutlich günstiger als Zigaretten. Was dem Verbraucher in der Geldbörse nicht auffällt… So verspricht man sich den großen Reibach. Und sammelt zudem fleißig Kundendaten. Gleichzeitig will PMI Deutschland zum Jahresende fast 1000 Mitarbeiter an seinem Berliner Produktionsstandort entlassen, was zu Protesten geführt hat.

Passen die nicht mehr in die „rauchfreie Zukunft“? Nun, die Produktion wird verlagert. Der Konzern mit einem Börsenwert von rund 120 Milliarden Dollar macht seinen Nettoumsatz von ca. 30 Milliarden Dollar (davon über 9 Milliarden in der EU) nach wie hauptsächlich mit Zigaretten. Seit Jahren steigt die Dividende der Aktionäre. Daran kann man übrigens erkennen, dass die Tabakbekämpfung globalen Großkonzernen weit weniger schadet als den Tabakgenießern und den Schwächeren in der Wertschöpfungskette.

Und das erklärt, warum PMI so tut, als wollten sie nicht, dass wir ihre Zigaretten erwerben – aber trotzdem nicht aufhören, sie herzustellen. Verkauft doch eure Marken, allen voran Marlboro, für ein Schweinegeld an die Konkurrenz und setzt alles auf eure Heets! Ach nein, doch nicht… verdammte Heuchler in alter Tradition des amerikanischen Puritanismus.

Stattdessen will man die Heets als das vermeintlich ‚bessere‘ Produkt etablieren, um sich so dem Anti-Rauch-Feldzug anzubiedern. So kann man Restriktionen gegenüber Rauchtabak bejubeln oder sie sogar fordern, solange die Erhitzer außen vor bleiben. PMI-Vorstandsmitglied Jacek Olzak etwa bittet darum, den „positiven Wandel“ – von klassischen Tabakwaren zu ihrem IQOS ­– „durch fortschrittliche, regulatorische Maßnahmen zu beschleunigen.” Fortschrittlich ist an Tabakprohibition gar nichts, aber das Wort „progressive“ in der Konzernsprache Englisch bedeutet auch „voranschreitend“ – wie eine sich verschlimmernde Erkrankung, hier die Lifestyle-Diskriminierung und staatliche Gängelung, die in der Tat zunehmend voranschreiten.

Olzak bemüht als Analogie ausgerechnet Energiesparlampen und das EU-Verbot von Glühbirnen: „Ist die Technologie da und das neue Produkt kann das vorherige perfekt ersetzen, setzt der Wandel unweigerlich ein.“ Der Manager mit Millioneneinkünften scheint nicht die hellste Leuchte zu sein. Energiesparlampen haben Glühbirnen in ihrer Funktion, ihrer Produktsicherheit und ihrem Preis-Leistungs-Verhältnis nie adäquat ersetzen können. Deren Ablösung kam auch nicht „unweigerlich“, sondern durch den Brüsseler Bannhammer. Vielleicht sollte PMI IQOS-Heets als „Energiesparlampe unter den Tabakprodukten“ bewerben, dann ginge mehr Kunden ein Licht auf.

Dieses Produkt wurde in den USA von der oben genannten FDA genehmigt – damit hatte sich das jahrelange Lobbying gelohnt. Die FDA plant derzeit, Nikotingrenzwerte in Tabakwaren zu senken. Damit kann PMI für die Heets erstmal ganz gut leben, enthalten die Sticks doch je 0,5 Milligramm Nikotin und damit die Hälfte des EU-Grenzwerts. Man bereitet sich also gezielt vor. Bei ihren Zigaretten bekäme PMI aber Probleme: Die meisten ihrer Marken enthalten mehr Nikotin und der Versuch einer kleinen Absenkung scheint hierzulande gescheitert. Wie man nämlich feststellt, wenn man die Werteangaben vergleicht, die Netzwerk Rauchen jährlich im Internet präsentiert: Zum Stichtag 2017 kamen die roten Marlboros, L&Ms und Chesterfields auf nur 0,7 mg Nikotin, 0,1 mg weniger als im Vorjahr. Bei den blauen Chesterfields sank der Wert von 0,6 auf 0,5 mg. Im Folgejahr 2018 wurden diese Änderungen offenbar rückgängig gemacht. Vielleicht sollte den Managern dämmern, dass sie sich mit ihrem Ansatz letztlich doch den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Oder sie setzen weiterhin darauf, dass ihre Unterstützung des Gesundheitswahns in eine Regulierungslage mündet, wo Produkte wie IQOS als Raucher-„Methadon“ ersatzweise verabreicht werden, weil man klassische Tabakprodukte verboten hat. Für das Netzwerk Rauchen ein Grund, unseren Boykottaufruf an politische bewusste Verbraucher zu erneuern:

Stoppen Sie diese Machenschaften, kaufen Sie deren Produkte nicht! (Marken finden Sie hier und hier in der Suche) – und stellen Sie PMI und Altria als Aktionär kein Kapital zur Verfügung!

(Zur Klarheit: Wir wollen keineswegs die Konkurrenten von PMI anpreisen. Auch andere Tabakkonzernen biedern sich leider bei der Tabakbekämpfung an und verhalten sich oftmals verbraucherunfreundlich, nur eben nicht so extrem wie bei Philip Morris.)

Red.